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© 2010-2012 Musik in der Ev. Kreuzkirche Bonn am Kaiserplatz
Bühnenskizze, Christoph G. Amrhein

Johannes-Evangelium

Papyrus P52 (Johannesfragment)

Entstehung

Das Johannes-Evangelium entstand ca. um 100 n. Chr. und gilt als das jüngste der vier Evangelien im Neuen Testament. Sein Entstehungsort ist nicht sicher festzulegen, der altkirchlichen Tradition nach ist es Ephesus.
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Autor

Apostel Johannes an der Brust Christi, Bodenseegebiet um 1310 Das Evangelium nennt nicht direkt den Namen des Verfassers. In der altkirchlichen Tradition wurde es dem "Lieblingsjünger Jesu" Johannes zugeschrieben, auf den ein Zusatz am Ende des Evangeliums verweist (Joh 21,24). Die neutestamentliche Forschung schließt allerdings eine einzelne Person als Autor aus. Es wird eher von einer "Johanneischen Schule" ausgegangen, in deren Umkreis auch die Johannes-Briefe und die Offenbarung entstanden sind.
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Besonderheiten

  1. Das Johannes-Evangelium ist weniger eine chronologische Biographie als eine kunstvoll durchkomponierte theologische "Novelle", die die Lehre und das Heilshandeln Jesu für die Menschen verdeutlicht. Große Reden, sieben sich steigernde Wundertaten, Gespräche und symbolische Handlungen wechseln einander ab.
  2. Am Beginn steht keine - wie von Matthäus und Lukas berichtete - Geburtsgeschichte, sondern ein kunstvoller Prolog: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. [...] Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." (Joh 1,1.14)
  3. Das Johannes-Evangelium basiert auf dem Verständnis, dass Jesus aus Gottes Ewigkeit in unserer irdischen Endlichkeit erscheint, eine Zeit lang wirkt und dann wieder in Gottes Ewigkeit zurückkehrt. Nur ein Teil der Menschheit erkennt dies. Diejenigen, die daraufhin an Jesus glauben, werden in Jesus hineingenommen in die göttliche Ewigkeit und Herrlichkeit.
  4. Jesus wird anders als in den anderen Evangelien von Beginn an als souveräner Gesandter des himmlischen Vaters beschrieben. In seinem Handeln und Reden wirkt er dabei zuweilen übermenschlich. So fehlen beispielsweise bei der Passion alle Hinweise auf ein wirkliches Leiden oder Verzweifeln. Seine letzten Worte am Kreuz sind nicht: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (vgl. Mt 27,46), sondern: "Es ist vollbracht!" (Joh 19,20). Jesus ist im Johannes-Evangelium unangefochten von menschlichen Ängsten, er vollbringt souverän den Plan Gottes, um die Menschheit zu erlösen.
  5. In langen und mit symbolischen Formulierungen versehenen Reden betont Jesus immer wieder sein Eins-Sein mit dem himmlischen Vater. Eine nur bei Johannes überlieferte Besonderheit bilden dabei die sieben "Ich-bin-Worte", so zum Beispiel: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Joh 14,6)
  6. In einer der großen Rede spricht Jesus - auch in Anspielung auf Psalm 23 - von sich als dem "guten Hirten" (Joh 10,11ff). Er gibt dabei seinen Jüngern eine Einführung in die Lehre des "Sterben für andere". Jesus wird im Johannes-Evangelium als der gute Hirte beschrieben, der sein Leben freiwillig für die Schafe hingibt und dadurch von Gott neues Leben geschenkt bekommt. Außerdem ist Jesus das Lamm Gottes, das sich hingibt, auf dass die Menschheit Erlösung finden kann. Dadurch bekommt seine Passion universellen Charakter.
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Die Passion

Anders als in den anderen Evangelien gibt Jesus bei Johannes sein Leben freiwillig und behält dabei stets die Handlungsautorität, ohne Gott um Verschonung vom Leiden zu bitten. Schon beim Verrat des Judas ist er es selbst, der den Soldaten mit den Worten "Wen suchet ihr?" (Joh 18,4) aktiv entgegen tritt. Und auf die Antwort der Soldaten "Jesus von Nazareth" antwortet Jesus wiederum: "Ich bin (es)". Diese Antwort ist mehrdeutig, kann sie doch auch als "Ich bin Gottes Sohn" verstanden werden. Die Soldaten weichen vor dieser Aussage zurück und fallen zu Boden. Gegen seinen Willen können Menschen dem Schöpfer in Gestalt Jesu nichts antun! So lässt Jesus Gefangennahme, Verhör, Geißelung, Verspottung und Kreuzigung zugunsten des größeren Heilsplanes über sich ergehen. Er überlässt sein Schicksal wissentlich der Gewalt der irdischen Mächte.

Philosophischer Höhepunkt im Passionsbericht bildet die Unterredung Jesu mit dem römischen Statthalter Pontius Pilatus. Himmlische Macht und weltliche Macht stehen sich hier Aug in Aug gegenüber. Ihr "Wortduell" kreist dabei um zwei zentrale Fragen:

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  1. "Bist Du ein König?"

    Pilatus als römischer Ordnungshüter muss den seitens der jüdischen Autoritäten ausgelieferten Jesus befragen, ob er ein politischer Unruhestifter sei und damit bedrohlich ist. Die Frage, ob er ein König sei, bejaht Jesus, allerdings mit der Ergänzung: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Pilatus versucht das genauer zu differenzieren, worauf Jesus erklärt: "Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme" (Joh 18,37). Jesus sieht sich hier als König einer anderen Art, nämlich als derjenige, der die alttestamentarische Verbindung von Wahrheit und Gottes Königtum wieder herstellt. Sein Königtum ist damit nicht in der Welt, sondern in Gott begründet. Wer aus der Wahrheit ist, erkennt dies.
  2. "Was ist Wahrheit?"

    ... entgegnet Pilatus darauf und formuliert damit präzise eine der seit jeher großen und zeitlosen philosophischen Fragen. Der irdische Machtmensch Pilatus, dessen politische Macht sich auf Unterdrückung und Gewalt gründet, fragt - zynisch, zweifelnd, spöttisch oder nachdenklich? - den himmlischen Gesandten, was Wahrheit und damit Wirklichkeit ist. Die sich durch das ganze Johannesevangelium wie ein roter Faden durchziehende Betonung des göttlichen Wahrheitsanspruchs wird im Licht der irdischen Realitäten (im wahrsten Sinne des Wortes) fragwürdig. Es ist eine Frage des Glaubens und der Weltsicht, was für wahr gehalten wird!
Nach Johannes ist Pilatus beeindruckt von der Unterredung, zumindest versucht er im Folgenden mehrfach, Jesus das auf ihn wartende Schicksal zu ersparen. Betont wird bei Johannes, dass die Hohepriester - also die religiösen Autoritäten, die Jesus eigentlich hätten erkennen müssen, aber ihn nicht erkannten - seinen Tod fordern. Verhindern kann und will Pilatus diesen aber nicht. Dennoch formuliert er den Wahrheitsanspruch Jesu und sein Königsein - zynisch oder erkennend? - gegen den Widerstand der Hohepriester auf der Tafel über dem Kreuz: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Jesus selbst ergibt sich seiner Bestimmung, ganz, wie er es angekündigt hat: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (Joh 15,13) Dies geschieht aber aus der festen Gewissheit der nach der Passion folgenden Auferstehung.

Insgesamt werden die Leser des Johannes-Evangeliums auf einen Weg genommen, der ermutigen soll, den Worten und Taten Jesu Glauben zu schenken. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Weg der Liebe und Hingabe letztlich zu einem Leben in Wahrheit und innerer Freiheit führt. Daran kann und soll sich der gläubige Leser in seinem eigenen Dasein orientieren. Jesus selbst drückt dies so aus: "Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." (Joh 8,31f)

Detlev Prößdorf
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Termine 2011

Veranstaltungsort:
Ev. Kreuzkirche Bonn

Aufführungen am:
So  3.4.2011 19 Uhr
Fr  8.4.2011 19 Uhr
Sa  9.4.2011 19 Uhr
Sa  9.4.2011 23 Uhr
So 10.4.2011 19 Uhr
[Rahmenprogramm]

Kartenvorverkauf bei BonnTicket: Tickethotline 0228-502010

Literatur

Meinrad Walter: Johann Sebastian Bach. Johannespassion Neuerscheinung Februar 2011: Meinrad Walter: Johann Sebastian Bach. Johannespassion. Eine musikalisch-theologische Einführung, erschienen in den Verlagen Carus und Reclam
Alfred Dürr: Johannespassion
Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach: Die Johannes Passion: Entstehung - Überlieferung - Werkeinführung (Taschenbuch), erschienen im Bärenreiter Verlag
Schmitt: Das Evangelium nach Pilatus
Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium nach Pilatus, erschienen im Fischer Verlag
Martin Geck: Bach, Leben und Werk
Martin Geck: Bach, Leben und Werk (Taschenbuch), erschienen im Rowohlt Verlag
Klaus Wengst: Das Johannesevangelium
Klaus Wengst: Das Johannesevangelium, erschienen im Kohlhammer Verlag Walter Jens: Zeichen des Kreuzes
Walter Jens: Zeichen des Kreuzes. Vier Monologe, erschienen im Radius Verlag
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